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Mein Leben
Am 1. September ist meine Autobiografie „Ich bin so frei" (Rowohlt Verlag) erschienen und im Buchhandel erhältlich, außerdem kann sie bei Amazon bestellt werden.
Hier ein kleiner Vorgeschmack auf interessante Stationen meines Lebens:
Mein Leben in den 60ern
Sex wurde noch in den 60er Jahren
wie eine ansteckende Krankheit behandelt. Bücher darüber befanden sich
in den Giftschränken der Buchhandlungen. Nur die Aufklärungsschriften
der katholischen Kirche konnte man problemlos bekommen. Darin standen
dann Sätze wie: "Wenn du, Mädel, beim Tanz von einem Burschen aus dem
Saal geführt wirst, beginnt für dich das Elend."
In Bezug auf Doppelmoral und Kleinbürgerdenken war die Situation unvorstellbar beklemmend und auch gefährlich für Andersdenkende. Man kam so schnell an die Grenzen der kleinbürgerlichen Moral-Ideologie und diese wurde unterstützt von unendlich vielen Gesetzen. Ich erinnere an das Verbot, Werbung für empfängnisverhütende Mittel zu machen. Dieses kam von Heinrich Himmler im Jahr 1943, die katholische Adenauer Regierung hat es übernommen. Kondome durften nur an Ehepaare abgegeben wurde. Es gab den Kuppelei-Paragrafen, nach dem Eltern der Förderung der Unzucht beschuldigt wurden, wenn sie Jugendliche unter 21 mit einem anders geschlechtlichen Menschen in einem Zimmer schliefen ließen. Auch als meine Frau und ich auf unserer Hochzeitsreise (1953) die Trauscheine nicht dabei hatten, hat uns der Portier in einem Hotel in Offenburg natürlich kein gemeinsames Zimmer gegeben, sondern uns auf den ersten und den vierten Stock verteilt. Denn eine Förderung der Unzucht wurde mit Gefängnis bestraft, ebenso wie Ehebruch und Homosexualität. Vor allem der Homosexuellen-Paragraf 175 wurde ganz scharf angewendet. In der Nazizeit genauso gab es 70.000 Verfahren gegen Homosexuelle. In der Adenauerzeit, zwischen 1945 und 1969, waren es ebenfalls fast 70.000 Verfahren.
Über die Liebe
Meine erste sexuelle Beziehung war im Alter von 14 mit einem Jungen, meine zweite ein Jahr später mit einem Mädchen. Dann hatte ich als 21-Jähriger mit Marlies Duisber (19) meine große Liebe kennengelernt. Die darauf folgenden vier Jahre waren eine wilde Zeit, mit Trennungen und jeweils anderen Partnern. Doch dann merkten wir, dass wir nicht ohne einander können und beschlossen, zusammen zu bleiben und zu heiraten.
Wir wollten aber nicht kleinbürgerlich denken und leben. So entwickelten wir ein Konzept der offenen Ehe: Wir gehen nie auseinander, versprachen wir uns. Erlaubt sind andere Partner, aber wenn einer sich emotional zu weit entfernt, holt der andere ihn wieder zurück. Bei mir war das einmal der Fall. Da hatte ich mich sehr in eine andere Frau verliebt. Meine Frau hat dann gemeint: "Ich kann das nicht mehr ertragen. Geh zu ihr. Ich habe lieber einen glücklichen Vater für meine Kinder als einen unglücklichen Ehemann." Ich bin dann aber zum Glück nicht weggegangen.
Meine Frau ist im Jahr 2000 an Brustkrebs gestorben, nach über 50-jähriger Gemeinschaft. Ich war 72. In meinem Kopf war im ersten Jahr nach ihrem Tod ein einziger dunkler Gedanke: "Jetzt kommt nichts mehr. Das war es." Allerdings hatte meine Frau in letzter Stunde in Gegenwart unserer Kinder eindringlich auf mich eingesprochen und gesagt: "Bleib nicht allein, das kannst du nicht. Such dir eine neue Frau, nicht zu alt, nicht zu jung - und heiraten musst du auch nicht wieder." Nach zwei Jahren habe ich tatsächlich eine neue Liebe gefunden, mit der ich bis heute zusammen und glücklich bin.
So begann alles mit dem Schreiben über Sexualität
Im Jahr 1948 hatte ich den ersten Kinsey-Report "Sexualität des Mannes" in Teilen für meinen Vater übersetzt. Der Forscher Alfred Kinsey hatte zwischen 1938-1958 zehntausende Interviews geführt und damit erstmals die Vorlieben und sexuellen Veranlagungen der Menschen wissenschaftlich erfasst und niedergeschrieben. Über ihn lässt sich zusammenfassend sagen, dass seine Reporte mit dem Bild der "normalen Heterosexualität" in der Missionarsstellung aufräumten. Beim Übersetzen hatte ich diesen sogenannten "Kinsey-Effekt" verspürt, - der übrigens später als "Kolle-Effekt" bezeichnet wurde. Ich habe nämlich bemerkt, dass ich nicht alleine mit meiner Bisexualität und mit meinen sexuellen Phantasien bin. Dies war sicher ein Auslöser für die Idee, die Menschen mit meinen Texten von ihrer verklemmten Sexualität zu befreien.
Aber insgesamt hatte ich das Glück, dass ich, genauso auch wie meine Frau, in einem außerordentlich liberalen Elternhaus ausgewachsen bin. Wir waren geprägt von der psychiatrischen Praxis meines Vaters und der Schule der Sexologie in den 20er Jahren. Ich wusste zudem sehr viel über Homosexualität von meinem schwulen Onkel Helmut Kolle, dem Maler. Das war für mich alles eher normal.
Trotz all dem war wahnsinnig schwer, über das Thema zu schreiben. Das erste Mal versuchte ich es 1957 für die Berliner Zeitung BZ. Ich hatte eine Serie über ein junges Paar geschrieben, das sich damit trägt, vor der Ehe Sex zu haben sollen, - oder eben nicht. Das Paar war erdichtet, aber ihm standen viele andere reale Paare Pate, die das gleiche Problem hatten. Diese Serie war für mich wichtig, weil ich mich hier erstmals traute, das heiße Eisen anzufassen, sie erregte aber noch kein großes Aufsehen.
Der Drang, das Thema weiter zu verfolgen, verstärkte sich jedoch noch. Ein Auslöser dafür war eine Weltreise, die ich im Jahr 1958 für die Quick unternahm. Ich wollte unter dem Motto "Alle Liebe dieser Welt" über die Liebe und über Paare in anderen Ländern berichten. Dazu hatte ich weltweit Ärzte und Menschen nach ihrer Moral befragt. Zudem haben die vielen Gespräche in mir den Drang verstärkt, den Menschen mitzuteilen, dass die Sexualmoral in Deutschland verklemmt und unnatürlich ist.
Meine ersten Erfolge
Mein Durchbruch zum "Aufklärer der Nation" war die Tatsache, dass die Frau des Chefredakteurs der Quick ein Kind erwartete. Diese hatte sich beklagt, dass die vorhandenen Bücher über Schwangerschaft und Kinderentwicklung mehr vernebeln als erklären. Ich war schon für meine offene Darstellungsweise bekannt, daher sollte ich für die Quick mit "Dein Kind das unbekannte Wesen" eine Serie über die Entwicklung von Kindern schreiben. Ich hatte mich dabei auch sehr intensiv mit Kindersexualität beschäftigt und gemäß den neuesten Forschungsergebnissen geschrieben, dass Kinder auch schon in den ersten Jahren sexuelle Empfindungen haben. Auch habe ich die Geschlechtsorgane der Kinder normal benannt: Scheide oder Vagina, Glied oder Penis. Der Chefredakteur war begeistert, es wurde gedruckt, er bekam aber daraufhin von Adenauers langjährigem Familienminister Franz-Josef Wuermeling (CDU) einen Brief mit folgender Aussage (sinngemäß): "Wenn solche schweinischen Sachen noch einmal in der Quick erscheinen, wird die Zeitschrift verboten."
Trotzdem entstand aus der Serie mein erstes Buch "Dein Kind, das unbekannte Wesen" (1964). Es wurde ein großer Erfolg.
Mein Paulinischer Punkt
Im günstigsten Falle sollte jeder Journalist irgendwann seinen Paulinischen Punkt haben, nämlich dann, wenn er vom Saulus zum Paulus wird und sein Thema findet. So hatte es der berühmte Zeitungswissenschaftler Emil Dofivat einmal formuliert. Ich erlebte diesen Paulinischen Punkt mit der Profumo-Affäre im Jahr 1962: In England sind ein paar Mädels vom Lande nach London gekommen, um mit den Herren aus der Politik fröhlich zu feiern. Der adelige Politiker Lord Astor hatte für entsprechende Poolpartys seinen Wohnsitz zur Verfügung gestellt. Eines der Mädchen, es war das ehemalige Modell Christine Keeler, hatte dabei ein Verhältnis mit dem damaligen Heeresminister John Profumo angefangen. Der fand es übrigens toll, mit seinem Mini um den Trafalgar Square zu fahren, während das Mädchen ihm einen blies. Derartige Details wurden bekannt, und plötzlich merkte die Öffentlichkeit, dass in höheren Kreisen Großbritanniens ein wüstes Sexualleben stattfand, während alle Menschen dachten, dort sei alles so prüde.
Ich berichtete für die Quick über diesen Sex-Skandal, schrieb aber nicht negativ über die Mädels, wie es aber offenbar gewünscht war. Ich schrieb im Übrigen auch nicht positiv über sie, sondern hatte einfach ohne Vorurteile recherchiert, was geschehen war. Trotzdem bekam ich von dem Moment an Schwierigkeiten mit der Bundesprüfstelle und wurde fortan zensiert. Vielleicht ist deshalb der Rebell in mir erwacht: "We need a new moral code", das war mein innerer Auftrag. Und den konnte ich am besten erfüllen, indem ich sachlich aufklärte und bei den Fakten blieb. So hat mich eigentlich erst die Bundesprüfstelle zum Chefaufklärer in Deutschland gemacht.
A new moral code
Mein neuer innerer Auftrag umfasste viele Facetten: Die Idiotie der Jungfräulichkeit, Homosexualität, Abtreibung und natürlich die Sexualität zwischen Mann und Frau. Mein Motto: Wir müssen dafür sorgen, dass Männer mehr Zärtlichkeit in den Sex einbauen. Stattdessen hieß es oft unter Männern: "Bei mir zuhause geht das ruckzuck, und fertig." Da bleiben natürlich die Frauen auf der Strecke, deren Erregungskurve bei dem Tempo nicht hochsteigen kann. Außerdem waren Frauen ganz auf die männliche Sexualität fixiert, z. B. darauf, dass sie sexuelle Lust nur mit ihrer ganz großen Liebe empfinden können. Die Männer hatten ihnen das eingeredet. Wenn Frauen dann merkten, dass sie auch Lust beim Gedanken an einen Mann verspürten, den sie gar nicht liebten, waren sie irritiert und verunsichert. Ich sagte also: Wir müssen die Erotik der Frauen sexualisieren, und die Sexualität der Männer erotisieren.
Roter Wein und schwarze Gedanken
Aus meinem "new moral code" habe ich ein Exposé für eine Serie zum Thema "Dein Mann" für den Kindler Verlag gemacht, er brachte die Wochenzeitschrift Revue heraus. Der Verlagschef war vom Grobkonzept begeistert. Dann ging es um die Feinabstimmung mit dem Textchef. Es entspann sich in den Tessiner Stuben in München folgender denkwürdiger Dialog: "Herr Kolle, es ist wunderbar, wie Sie über die Idiotie der Jungfräulichkeit schreiben. Aber Sie müssen schon klarstellen, dass diese Mädchen, die vor der Ehe Geschlechtsverkehr haben, eingesperrt werden müssen. Und wenn Sie über Homosexualität schreiben, müssen Sie unbedingt auch verdeutlichen, dass diese Männer Schweine sind." Dann kam es dazu, dass ich ihm das Glas roten Dôle, das ist ein Schweizer Wein, mit einigen bösen Gedanken und den folgenden Worten auf die Hose geschüttet habe: "Stecken Sie sich dieses Exposé in den Arsch."
Realismus statt Kompromisslosigkeit
1966 folgte die Zusammenlegung von Neue Illustrierte und Revue zur "Neuen Revue". Der neue Chefredakteur Ewald Struwe, der später Chefredakteur der BamS wurde, traute sich dann doch an mein Exposé der Serie "Dein Mann". Als ich die ersten Probefolgen zurückbekam, hatte die Rechtsabteilung ganze Seiten rot durchgestrichen. Ich begehrte aber nicht auf, sondern war kompromissbereit, denn man kann die Gesellschaft nur langsam an etwas Neues gewöhnen. So haben wir uns langsam an den neuen Moralcodex rangetastet.
Weil die Serie "Dein Mann" gut anfing, fand ich, dass jetzt als Fortsetzung "Deine Frau" kommen müsste. Dazu bat ich die Leserinnen der Neuen Revue, mir über ihre Erfahrungen mit der Sexualität zu schreiben. Ich dachte, es wird schon ein paar schreibwütige Frauen geben, vielleicht 80 bis 100. Es kamen 10.000 Antworten, Briefe von sechs bis sieben Seiten Länge. Der Tenor dieser Briefe war unisono, dass Frauen mit gleichaltrigen Partnern nur negative Erfahrungen gemacht hatten. Sie schrieben: "Das soll schön sein? Das ist wie Vergewaltigung!"
Da kam mir auch meine Erfahrung mit Kinsey wieder in den Sinn: Es gibt eine schichtspezifisches Sexualverhalten. Geistig einfache Leute haben oft eine primitive Sexualität, nämlich gewaltsam, phantasielos und unerotisch.
Aus den Serien entstanden dann die Bücher "Dein Mann, das unbekannte Wesen" (Südwest Verlag, 1967), und "Deine Frau, das unbekannte Wesen".
Durchbruch
Der große Durchbruch erfolgte 1967 mit der Serie "Das Wunder der Liebe" in der Neuen Revue, - trotz großer Zensurschwierigkeiten. Bei jeder Nummer hatten die Zensoren der Zeitung etwas zu mäkeln, nach dem Motto: ßDas geht überhaupt nicht, das könnten die Jugendlichen lesen." Auch die Bundesprüfstelle wollte die Neue Revue wegen dieser Serie indizieren. 15 der berühmtesten und anerkanntesten Psychologen und Sexologen hatten in einem Gutachten dargelegt, warum es gerade für Jugendliche wichtig ist, "Das Wunder der Liebe" zu lesen. Die Zensierungsbehörde hat mich aber trotzdem indiziert, und zwar mit folgender Begründung: "Die 15 Gutachten haben uns beeindruckt. Aber schwerwiegender waren für uns die 15 gleichlautenden Briefe von katholischen Vätern kinderreicher Familien aus Soest." Denen hatte ein Pfarrer von der Kanzel heraus in die Feder diktiert, was sie zu schreiben hatten, nämlich dass sie empört seien usw. Und dies war dann wichtiger als die fachlichen Statements renommierter Fachleute.
Trotzdem erregte das Aufsehen, und das war letztlich mein Durchbruch.
Der erste Film
Was mich an den Serien gestört hatte: Sie wurden fast ausschließlich von Frauen gelesen. Wenn diese mit den Männern darüber reden wollten, kam zur Antwort: "Wieso stimmt was nicht, ist mein Ding zu klein?" Dann bekam ich 1969 das Angebot, "Das Wunder der Liebe" zu verfilmen. Zuerst wollte ich nicht, weil ich befürchtete, ich müsse zuviel hinter der Zensur zurückstecken. Ich entschied mich doch dafür, weil ich so bedeutend mehr Menschen erreichen konnte. Aber tatsächlich wurde es ein ungeheurer Kampf bei der Zensur. Zwei Tage und zwei Nächte haben wir über jeden einzelnen Meter verhandelt. Einer der Zensoren hat gesagt: "Sie wollen wohl die ganze Welt auf den Kopf stellen. Jetzt soll sogar die Frau oben liegen." Und der Vorsitzende der Kommission, Dr. Krüger, gab zu bedenken: "Sie gehen so leichtfertig mit dem Thema Masturbation um, es ist doch noch nicht wissenschaftlich erwiesen, dass das nicht zu Hirnschädigungen führt."
Immer wenn die Aufklärung dann zu direkt wurde, muss ich lange Kommentare dazwischen schieben, in denen ich erklärt habe, dass es sich nur um Wissenschaft und nicht um Pornografie handelt. Ich habe auch immer mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet.
Reaktionen der Bürgerlichen und der Katholiken
Als erstes hat die katholische Kirche dagegen gewettert und überall aushängen lassen, dass man diesen Film nicht besuchen darf.
Wurde der Film in Zeitungen besprochen, drohten katholische Firmen mit Anzeigenboykotten.
Die Stuttgarter Zeitung hat mich mit Hitler verglichen. Was ich mache, sei schlimmer, als der zweite Weltkrieg. Plötzlich hatte ich die Bürgerlichen und die Katholiken als Gegner.
Internationale Reaktionen
In Europa kam der Film mit riesigem Aufsehen an.
In Holland wurde er von der Steuer befreit und mit dem Prädikat "Wichtig für die Volksgesundheit" belegt.
Die Schweiz war zwiegespalten. In manchen Kantonen war der Film verboten mit der Begründung: "Wir lassen uns doch nicht von einem Deutschen sagen, wie wir zu lieben haben." Dann gab es Pendlerbusse zum Nachbarkanton, wo der Film lief.
In Frankreich hat der Präsident Charles de Gaulle den Film mit einer extra mitgebrachten Nagelschere zerstümmelt.
In England war der Chefzensor erst einmal misstrauisch. Also bin ich zu ihm gefahren und ließ ein schreckliches Essen in seinem Stammclub über mich ergehen. Very british. Hab ihm dann erklärt, worum es mir geht. Der Chefzensor war eigentlich recht verständnisvoll. Anschließend schauten wir die synchronisierte Form zusammen an: Der Film war einfach schlecht vertont, mit einer lächerlichen nasalen Stimme und hörte sich albern an. Er wurde also neu synchronisiert und wurde anschließend freigegeben. Die Times hat darüber geschrieben: "Es werden viele Menschen mit falschen Motiven hineingehen, aber alle kommen mit den richtigen Motiven heraus."
In Italien hatten wir den Film freigekriegt, trotzdem wurden in Rom die Kinobesucher von den Karabinieri vertrieben. Mit Hilfe der Presse konnte der Film dann doch gezeigt werden.
Aber auch wenn ein Film freigegeben wurde, heißt das nicht, dass er unbehelligt gezeigt werden konnte. Oft ging mitten in der Vorführung unvermutet das Licht an. Ich wusste dann, dass es den Zensoren bei bestimmten Szenen wieder in der Hose gezuckt hatte.
Verhältnis zu den 68ern
Ich war immer für eine Befreiung der Sexualität. Ich war sicher auch der geistige Wegbereiter der sexuellen Revolution ab 1968. Aber das heißt nicht, dass ich diese radikale freie Liebe propagiert hätte, die alle Gefühle zwischen zwei Menschen abspricht. Auch die offene Ehe habe ich immer zur Diskussion gestellt. Wie zwei Menschen es mit der Treue oder der Nicht-Treue halten wollen, ist ein Arrangement innerhalb der Partnerschaft. Jedes Paar muss selbst herausfinden, wie es die Treue handhabt.
Die 68er aber wollten die Welt umdrehen. Ich habe in Diskussionen gesagt, das geht nicht. Sie können einen homophoben Menschen nicht von der Schönheit der Sexualität überzeugen, da wird er zum Hassgegner. Und umgekehrt können Sie einen homophilen Menschen nicht von der Schönheit eines isoliert abgeschottenen Lebens überzeugen. Wenn man etwas verändern will, muss das vorsichtig geschehen. Dicke Bretter sind ganz langsam zu bohren. Man muss ganz vorsichtig vorgehen, Frauen an der Hand nehmen und sagen, befrei dich von der Vorstellung der Männer.
Heute geben mir die Diskussionsgegner von damals Recht: "Kolle hat erreicht, was wir nicht erreicht haben, wir hatten die Bürger nur verschreckt", so meinte es kürzlich jemand aus der damaligen Szene.
Und zur Eifersucht
Ich persönlich halte die Eifersucht für gefährlich, und würde nie auch nur ein bisschen Eifersucht - womöglich als Beweis für die Liebe - in mir zulassen. Daraus wird nämlich ein Hochschaukeln, das ist den meisten nicht bewusst.
Blick zurück
Wenn in den 60er Jahren eine Frau vergewaltigt wurde, sagten Polizisten schon einmal: "Na ja, sowie Sie aussehen, da hätte ich das ausgemacht." Mit einer solchen Bemerkung wäre heute ein Polizist weg vom Fenster.
Ich habe erreicht, dass Menschen offener mit einander reden können und eine positivere Einstellung zur Sexualität haben.
Trotzdem gab es auch in den 80er Jahren noch groteske Situationen. Es kam damals Aids auf. Ich war bei einer NDR Talkshow und der Moderator Dr. Schneider fragte mich: "Herr Kolle, sind Sie schuld an Aids?" Bevor ich etwas sagen konnte, war schon Harpe Kerkeling mit einer Antwort da. "Das ist doch absurd", meinte er, "das ist genauso, als wenn Sie dem Landwirtschaftminister die Maul- und Klauenseuche vorwerfen."
Es ist doch vielmehr so, dass ohne meine Vorarbeit Aids zu einer absoluten Katastrophe geworden wäre. Nun aber konnte die katholische Familienministerin Rita Süßmuth offen über Kondome und über Sex reden.
Probleme mit der Sexualität gibt es immer noch. Aber es ist wichtig, dass wir offen darüber reden können, auch z.B. über Kinderpornografie.
Mein Anliegen heute
Was mich besorgt macht, ist die völlig abgeschaffte Jugendaufklärung. Man darf Jugendliche nicht dem Internet überlassen und ihnen das Gefühl geben, das was ihr dort seht, ist Sexualität. Das bekümmert mich.
Überhaupt ist das Internet eine ganz problematische Geschichte. Ich habe Angst, dass wir dadurch zu einer Masturbationsgesellschaft werden. Immer mehr Männer und Frauen sitzen vor der Pornoglotze, befriedigen sich selbst und wenden sich ihrem Partner nicht mehr zu. Das führt zu Vereinsamung, wenn sich die Menschen deshalb nicht mehr die Mühe machen, um andere Menschen zu werben und in Partnerschaften reinzugehen.
Ein weiteres Anliegen ist die Alterssexualität: Ein Jahr vor Erscheinen des Buches "Liebe altert nicht" (199x) habe ich auf dem Dt. Gynäkologenkongress in Dresden über das Thema gesprochen. Dass nämlich alte Menschen genauso wie junge Lust auf Sex haben und sich nach heißen erotischen Erlebnissen sehnen. Natürlich ändert sich etwas im Körper. Vor allem neigen ältere Menschen mehr zu Krankheiten als jüngere. Aber das ist kein Grund, älteren Menschen einfach so die Sexualität abzusprechen, wie das jüngere oftmals tun, und dabei wissen sie gar nicht, wovon sie reden. Hier muss noch viel getan werden.
Redaktion: Dr. Beatrice Wagner
Wilkommen bei Oswalt Kolle
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Am 1. September ist meine Autobiografie „Ich bin so frei" (Rowohlt Verlag) erschienen und im Buchhandel erhältlich, außerdem kann sie bei Amazon bestellt werden.
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