Tabu Inkontinenz

Es fällt mir immer wieder auf,dass im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff Tabu synonym und abwechselnd mit dem Begriff Verbot gebraucht wird.Nun beinhaltet zwar jedes Tabu auch ein Verbot,aber nicht jedes Verbot ist ein Tabu.Über Verbote kann man nämlich offen diskutieren ob sie sinnvoll oder sinnlos sind,verbietende Gesetze kann man ändern wenn sie nicht mehr zeitgemäss erscheinen - Tabus aber sind unbesprechbar.Das gerade macht sie so mächtig.

In ganz ernst gemeinten Diskussionen kann man die Forderung hören,gewisse Tabus sollten wieder eingeführt werden,das sei besser für die Gesellschaft.Mich erinnern solche Forderungen an das Bild des kleinen Jungen im Badezimmer,der verzweifelt versucht,eine ausgedrückte Tube Zahnpaste wieder in die Tube zurückzuschaffen. Deshalb zur Klärung dies : Der Begriff TABU kam in unsere westliche Welt durch die Forschungen des Ethnologen Bronislaw Mallinowski,der zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Polynesien entdeckte :es gab für diese Naturvölker Orte,Räumlichkeiten,Sitten und Gebräuche,an die nicht gerührt werden durfte.Das Gegenteil hiess Noa:alles was allgemein zugänglich ist.Tabu war also das Unzugängliche,das Heilige,das Gefährliche,das Verbotene,das Unreine.Sigmund Freud übersetzte das Wort Tabu mit „ heilige Scheu".Niemand weiss wie Tabus eigentlich entstehen,weshalb es beispielsweise bei einem Südseevolk Tabu ist wenn Eltern in Gegenwart der Kinder essen,aber nicht wenn sie sich vor den Kindern sexuell betätigen,oder weshalb ein bestimmtes Waldstück Tabu ist und nicht betreten werden darf.Oder weshalb auch heute noch in bestimmten Religionen die Frau während der Menstruation als unrein gilt.Oder weshalb 130 Millionen Mädchen in der Welt im frühen Kindesalter einen Teil der Schamlippen und die Clitoris weggeschnitten wird,weil das der Koran angeblich verlangt.Kein Wort darüber ist im Koran zu finden.Aber wir wissen wie stark Tabus wirken: von Naturvölkern wird berichtet,dass Menschen schon tot umgefallen sind nachdem sie unwillentlich ein Tabu übertreten hatten.

In einem Tierexperiment kann man ungefähr nachvollziehen wie ein Tabu entstanden sein könnte.Man weiss,dass Affen Bananen lieben und Regen hassen.Setzt man nun 10 Affen in einen Käfig und lässt es bei jedem Griff nach einer Banane regnen,dann greifen die Affen bald nicht mehr nach der Banane.Jeder neue Affe im Käfig wird vor dem Griff nach der Banane durch Schreie gewarnt.Ersetzt man nun nach und nach alle zehn Affen durch neue Affen,sodass zum Schluss kein Affe mehr im Käfig ist der das ursprüngliche Erlebnis „Banane löst Regen aus „mitgemacht hat,wird trotzdem kein Affe mehr nach der Banane greifen.Das Tabu ist perfekt...

Da Menschen im Gegensatz zu Affen denken können sollte man meinen,dass zumindest einige Denker sich ihre Bananen nicht mehr verregnen lassen.Aber das waren immer nur wenige und die wurden für ihren Tabubruch meist hart gestraft.Die Geschichte der Menschheit ist voller solcher Beispiele.Ein paar besonders drastische will ich nennen.Da es im Mittelalter ein Tabu war,an der Realität von Teufeln und Hexen zu zweifeln,rüttelten die gelehrten Denker nicht etwa an dem Tabu sondern untermauerten es rational: wissenschaftlich präzise schufen sie ganze Kataloge von eindeutigen Merkmalen,an denen man solche Teufel und Hexen nebst ihrer Wirkungsweise erkennen konnte.Mit allen tödlichen Folgen für unendlich viele Frauen und auch Männer.Da es ein Tabu war,an dem Kirchendogma von der Erde als Mittelpunkt der Welt zu zweifeln wurde Galileo Galilei von den Gelehrten seiner Zeit nicht etwa unterstützt sondern widerlegt,wiederum mit vielen wissenschaftlich exakten Traktaten.Vom Kirchengericht gestraft und mundtot gemacht durfte der Mann ein paar Jahrhunderte warten bis die moderne Entschuldigungs-Gesellschaft dem Papst keine andere Wahl mehr liess als sorry zu sagen,wenn auch ein bisschen halbherzig.

Als einer der grossen Tabubrecher des letzten Jahrhunderts gilt Sigmund Freud.An seinem Beispiel kann man zeigen wie schwierig der Umgang mit Tabus ist.Auf Grund seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse räumte er mit der Idee auf,dass Kinder „unschuldige „ asexuelle Wesen sind.Dafür holte er sich die fürchterlichsten Verwünschungen auf den Hals.Aber dann erwies er sich doch als ein Kind seiner Zeit: das allgemeine Tabu,das auf der Sexualität lastete,hielt er instand und untermauerte das mit Thesen.Zum Beispiel ,dass eine funktionierende Zivilisation nur mit strikten Beschränkungen der sexuellen Freiheit möglich sei.Zu dieser Zeit galt alle sexuelle Aktivität als pervers ,die nicht in der Ehe stattfand und auch direkt oder indirekt der Fortpflanzung diente.Freud stützte diese herrschende Meinung,indem er den Unterschied zwischen unreifer und reifer Sexualität konstatierte.Oder anders : er unterschied zwischen dem unreifen clitoralen Orgasmus und dem reifen vaginalen Orgasmus bei der Frau.Dieser reife Orgasmus wurde ausschliesslich durch den Coitus in der Vagina ausgelöst.Eine völlig absurde Behauptung,aber durch diese Behauptung sind Millionen Frauen bis heute verunsichert,weil sie eben durch die Bewegungen des Gliedes in der Vagina allein nicht zum Orgasmus kommen können.Ähnlich beurteilte Freud die Masturbation:auch hier folgte er seinen Vorgängern,den Ärzten und Pädagogen,die 2oo Jahre lang das Tabu Masturbation aufrecht erhalten und rational erklärt haben.So schrieb 1787 der Arzt Villaume,durch Onanie komme es zur Auszehrung des Rückenmarks und 1810 konnte der Arzt Niemeyer sogar von aussen die Indizien für onanistische Betätigung feststellen,wissenschaftlich exakt natürlich. Zitat:"Blässe des Gesichts,plötzliche Veränderung der Gesichtsfarbe,eingesunkene,hohlliegende,trübe und scheue Augen,Erschlaffung der Muskeln des Gesichts,Verlegenheit bei scharfem Ansehen,ekelhafter Geruch aus dem Mund,ein matter ziehender Gang ,Anwandlung von Ohnmacht bei längerem Stehen,Zittern und schnelle Ermattung der Hände,Beben der Stimme ..."undsoweiter undsoweiter..."

Das mag uns heute lächerlich erscheinen.Aber als ich im Frühjahr 1968 meinen ersten Film bei der Freiwilligen Selbstkontrolle vorführte musste ich stundenlang um ein paar Sätze kämpfen,in denen ich mit diesem Unsinn aufräumte.Die Möglichkeit der Rückenmarksschwindsucht müsste ich doch wenigstens erwähnen,meinte der Chefzensor,das sei doch wissenschaftlich bewiesen oder zumindest mnie wissenschaftlich eindeutig widerlegt.

Tabus sind hartnäckig ,weil sie nicht hinterfragt werden dürfen.Wer sie doch hinterfragt,also zum Tabubrecher wird,steht vor einigen realen Problemen.Zunächst muss er das Tabu in sich verarbeiten.Er muss also in der Lage sein,aus seiner Zeit herauszuspringen und nach vorne zu schauen.Dann muss er berit sein,auch darüber zu sprechen.Der Philosoph Wittgenstein sagt :Worüber man nicht sprechen kann,darüber soll man schweigen.Ich möchte diese These gern in meinem Sinne abwandeln :Worüber man nicht sprechen kann ,darüber sollte man wenigstens schreiben,damit man anschliessend auch darüber sprechen kann.Wenn also Alle wissen,dass man beispielsweise über Sexualität nicht spricht - Darüber spricht man nicht hiess eine der ersten deutschen Aufklärungsfilme in den 2o er Jahren - wie soll man dann darüber sprechen? Doch selbst wenn man spricht,dann muss man mit dem geballten Widerstand der Öffentlichkeit rechnen.Sexualforscher wie Wilhelm Reich,Sigmund Freud und Magnus Hirschfeld haben das am eigenen Leib erlebt.Sie wurden verteufelt und beschimpft.Dabei war Magnus Hirschfeld,der grosse Sexualforscher der 20 er Jahre ,in einer besonders prekären Lage: er war homosexuell,konnte das aber bei seinem Kampf gegen den Paragraphen 175 Strafgesetzbuch nicht sagen.Hier war nämlich das Tabu gestützt durch einen Paragraphen,der sexuelle Beziehungen zwischen Männern hart bestrafte.Ähnlich ging es nach dem Krieg Hans Giese.Beide Männer mussten sich bedeckt halten,wenn sie nicht kriminalisiert werden wollten und damit jeden Anspruch verloren,als Wissenschaftler gehört zu werden.

Wir leben in einer besseren Zeit.Viele Tabus auf sexuellem Gebiet sind besprechbar geworden oder verschwunden.Jedenfalls in der öffentlichen Diskussion.Individuell kämpfen noch sehr viele Menschen mit Tabus.Wir reden heute öffentlich sehr viel und manchmal zu laut über diese Themen - aber Paare untereinander schweigen noch zu oft,aus Angst vor dem Tabubruch,aus Angst,sich preiszugeben mit ihren geheimen Wünschen,aus Angst ,den Partner zu verletzen oder zu verlieren.Noch schwieriger wird es offenbar wenn es um Schwächen geht.Wir wissen zum Beispiel,dass es in der Bundesrepublik acht Millionen Männer mit Erektionsproblemen gibt -aber nur 12o ooo gehen damit pro Quartal zum Arzt.Zu gross ist die Angst der Männer,eine Schwäche zuzugeben,selbst gegenüber dem Arzt.Man hat all diesen Männern zu lange eingeredet,dass ein Mann immer können muss.Vielleicht wird sich das nach der Einführung von Viagra ändern.Viagra ist offenbar ein Tabubrecher.Ich schliesse das schon aus persönlichen Erfahrungen.In den vergangenen 4o Jahren hat mir in hunderten von Interviews nie jemand die Frage gestellt -oder zu stellen gewagt - ob ich potent oder impotent bin.In den letzten zwei Jahren kommt bei jedem dritten Interview fast zwangsläufig die Frage :Nehmen Sie Viagra ? Wobei es den Journalisten selber gar nicht einfällt was sie damit eigentlich fragen.

Und ganz zum Schluss zum Sinn dieser Veranstaltung:Viel zu viele Frauen mit Problemen der Inkontinenz behelfen sich lieber mit Notmassnahmen anstatt frühzeitig beim Arzt um eine Therapie zu fragen.Sie haben das Tabu verinnerlicht :über seine Ausscheidungen redet man nicht und es ist eine Schande und eine Scham,seine Ausscheidungsorgane nicht zu beherrschen.Die Reinlichkeitsdressur der frühen Kindheit ist zum Zwang und zum Tabu geworden.Wie um alles in der Welt kann man dieses Tabu durchbrechen ?

Auch die schönsten Reklamespots helfen sicher nicht :da werden Blut und Urin als herrliche azurblaue Seen gezeigt,was nur bestätigt ,dass richtiges Blut und richtiger Urin eigentlich Pfui sind,besonders wenn sie aus dem Unterleib kommen.Nein,wir sollten bei den ehrgeizigen Eltern anfangen,die voller Stolz berichten,dass schon ihr Zweijähriger zur Stubenreinheit gepresst wurde.Wenn man Eltern klar machen könnte,dass die Beherrschung der Ausscheidungsorgane aus rein physischen Gründen nicht nur alters-sondern auch entwicklungsbedingt ist würden sie sicher ruhiger abwarten können.Genauso ist es am anderen Ende der Fahnenstange:wir müssen Frauen und Männer darüber aufklären,dass die Muskelgruppen zur Beherrschung sowohl alters - als auch gesundheitsmässig erschlaffen können: dass es also kein Mangel an Willenskraft ist,wenn die ersten Anzeichen der Inkontinenz auftauchen.Aber vor diesen ersten Anzeichen ist es auch wichtig,besonders die Frauen auf die Wichtigkeit des Trainings der Beckenbodenmuskulatur hinzuweisen und schon junge Frauen lehren,wie sie den Pubococcogeus durch Kontraktion und Entspannung stärken können - was im Übrigen auch der Lust -und Orgasmusfähigkeit dient.Das Allerwichtigste in diesem Zusammenhang ist sicher für Ärzte,dass sie die Patienten zum Sprechen bringen,indem sie ihnen deutlich machen wie natürlich solche Ausfallerscheinungen sind und dass ihnen als Ärzten nichts Menschliches fremd ist.

Vortrag ,gehalten auf dem 27.Bad Wildunger Symposium „Harninkontinenz" am 16.Juni 2001 in Bad Griesbach

Zurück

Oswalt Kolle

Wilkommen bei Oswalt Kolle

Mein Leben
Am 1. September ist meine Autobiografie „Ich bin so frei" (Rowohlt Verlag) erschienen und im Buchhandel erhältlich, außerdem kann sie bei Amazon bestellt werden.

Hier ein kleiner Vorgeschmack auf interessante Stationen meines Lebens: [Weiterlesen]