Paare zwischen Lust und Unlust
Der Mann,der mich als 13jährigen in erzwungener Abwesenheit meines Vaters aufgeklärt hat,war Professor I.H.Schulz,der Erfinder des autogenen Trainings.Von diesem Mann stammt der Satz:"Die Sexualität des Menschen geht von sieben Mal im Leben bis sieben Mal am Tag."Ich muss sehr oft an diesen klugen Satz denken,wenn ich die Debatte über die angebliche neue Lustlosigkeit verfolge.Losgetreten hat diese Debatte vor ein paar Jahren mein inzwischen verstorbener Freund Ernest Borneman.Ernest hatte einige Jahre lang die Funktion des Sexualberaters in der Zeitschrift Neue Revue und schloss aus den vielen Klagen über Lustlosigkeit beim einen oder anderen Partner messerscharf auf ein allgemeines Absinken der Sexuallust.Ich habe diese Funktion auch einige Jahre ausgeübt und aus den vielen tausend Briefen dieser Jahre ziehe ich ganz andere Schlussfolgerungen .
# Erstens : Paare mit Lustproblemen berichten häufig ,dass sich nach der Periode der ersten Verliebtheid die Incompabilität in den sexuellen Wünschen sehr schnell herausgestellt hat.Im Extremfall trifft die Sieben-Mal-im-Leben-Person auf die Sieben-Mal-im -Leben-Person.Da ist zum Beispiel häufig,dass nach der Geburt eines Kindes die Sexualität erlahmt,weil sie nach Ansicht der Frau ( gelegentlich auch des Mannes ) ihre Funktion erfüllt hat.Über die tiefer liegenden Ursachen will ich später sprechen.
# Zweitens:wir reden zwar in der Öffentlichkeit,auch in den Medien,sehr viel und schrill über Sexualität - aber die meisten Paare haben grösste Schwierigkeiten,miteinander über Sexualität zu sprechen.90 % Prozent aller Briefe ( auch bei der Beratung im Radio und im Fernsehen ist das so)enthalten in Abwandlung den Satz:Mit meinem Partner,meiner Partnerin kann ich nicht darüber sprechen,welche Wünsche,welche Phantasien ich habe,was mich anmacht und was mich stört.
# Drittens :viele der Paare,die über Unlust klagen,leiden an einem neurotischen Vergleichs -und Zählzwang.Sie vergleichen sich mit anderen,sie vergleichen die Häufigkeit der sexuellen Erlebnisse aus der frühen Zeit der Paarbindung mit der Häufigkeit nach zehn,nach zwanzig,nach dreissig Jahren,sie vergleichen ihre eigene Potenz mit zwanzig mit der Potenz mit 5o undsoweiter.Und es wird gezählt a la Buchhalter:wie oft,wie oft Orgasmus,wie oft gemeinsamer Orgasmus ,was immer das sein mag.
Seit dem unseligsten aller Luther-Worte "In der Woche zween" gibt es leider reichlich Vergleichmaterial -aber noch immer keine befriedigendes wissenschaftlich akzeptable Untersuchung über das Sexualverhalten der Deutschen,etwa a la Kinsey.
Es gibt einige kleiner Untersuchungen über das Verhalten bestimmter Gruppen ,etwa der Studenten,aber alles andere ist totaler Humbug:da werden tausende von Fragebogen herumgestreut ,von denen dann einige hundert ausgefüllt zurückkommen.Und aus diesen hunderten ergibt sich dann ein Bild von wilder,schöner,phantasievoller Sexualität zwischen Paaren,die drei bis vier Mal in der Woche nächtelang Liebe machen.Das ist kein Wunder :solche Fragebogen werden nämlich ausgefüllt von sexuell sehr interessierten Menschen,von Sexual-Protzern auch,von graphischen Exhibitionisten -und niemals von den Schüchternen,Verklemmten,ich sage mal allgemein den Menschen,die kleine oder grosse Probleme mit der Sexualität haben .
Von den elektronischen Medien -von Fernsehen bis Internet -wird den Menschen ein Bild von Sexualität vorgegaukelt ,das mit ihrer Lebenswirklichkeit nichts zu tun hat.Wie man früher auf den Jahrmärkten die Frau ohne Unterleib oder mit drei Brüsten vorgeführt hat,so werden hier immer stärker bizarre sexuelle Randgruppen gezeigt( gegen die ich übrigens nichts habe) ,als sei es übliches Verhalten von Millionen,sich gegenseitig anzupinkeln ,auszupeitschen ,anzuketten oder in Gruppen Sex zu machen.
Schon vor Jahren hat der Hamburger Sexuologe Gunther Schmidt darauf hingewiesen,dass nach unserem Kenntnisstand nie mehr als 5 Prozent der Bevölkerung irgendwelche aussergewöhnlichen Sexualpraktiken ausüben.Mögen es inzwischen 10 Prozent sein,mehr sicher nicht.Wobei wir nicht vergessen sollten wie stark sich die Ideen über gewöhnliche und aussergewöhnliche Sexualpraktiken gerade in den letzten 3o Jahren verschoben haben:damals nannte man orale Praktiken wie Fellatio und Cunnilingus noch pervers - inzwischen gelten solche oralen Zärtlichkeiten geradezu als Masstab der Intimität,besonders unter jüngeren Menschen - mal abgesehen von den Männern,die Cunnilingus eher für eine irische Fluggesellschaft halten.
Aber auch Statistiken über die Häufigkeit solcher Praktiken führen wieder zu Missmut und Klagen über Lustlosigkeit bei den Menschen,deren Partner aus welchen Gründen auch immer diese Praktiken ablehnt: wieso habe ich ausgerechnet einen Mann erwischt,der mir das Vergnügen nicht gönnt,wieso habe ich eine Frau,die sich vor meinem Penis ekelt ?
Ich komme hier zurück auf meinen ersten Punkt: sieben Mal im Leben,sieben Mal am Tag.Das prinzipielle kleine oder grosse Interesse für Sexualität trifft eben auch zusammen mit einer kleinen oder grossen Libido,mit weniger oder mehr Experimentierfreude,mit weniger oder mehr Lust auf Abwechslung und ausgebreiteter sexueller Phantasie.Es ist in unserer angeblich so aufgeklärten Gesellschaft ein Wunder,wie wenig solche Unterschiede oft bei der Partnerwahl beachtet werden.Hier hat die nüchterne Aufklärung deutlich den Kürzeren gegebenüber der romantischen Schlagerwelt gezogen.So tief ist die Idee verwurzelt :wenn nur die Liebe mit grossem L besteht,dann wird sich sexuell auch schon alles fügen.Ein oft verhängnisvoller Irrtum für die Partnerschaft .Bei sehr jungen unerfahrenen Paaren ist das noch zu verstehen,bei älteren Menschen ,oft nach mehreren Partnerschaften kaum.Man lese dazu die wöchentliche Bekanntschafts-Seite der ZEIT:da wird über alles geredet ,von Harmonie bis Philosophie,von Dichtkunst bis zum gemeinsamen Alpenblick -über Erotik und gar Sexualität meist kein Wort,als wäre es eine Schande,sexuelle Bedürfnisse zu haben.
Es wird immer noch davon ausgegangen ,dass alle Frauen eine geringere Libido haben als alle Männer.Untersuchungen scheinen zu beweisen,dass dies tatsächlich in vielen Fällen zutrifft,aber die Emanzipation hat auch hier ihre Wirkung getan: aus meiner persönlichen Erfahrung weiss ich,dass noch vor zwanzig Jahren die Mehrheit der Klagen von den Frauen kamen,deren Partner zuviel sexuelle Bedürfnisse hatten,während sich das heute die Waage hält.Das heisst :immer mehr Frauen beklagen die Lustlosigkeit ihres Partners,gerade in langdauernden Paarbeziehungen,immer mehr Männer klagen über die starken sexuellen Forderungen ihrer Partnerinnen.
Aber ich weigere mich entschieden,die Klage über Lustlosigkeit gleichzusetzen mit einem Trend.Denn aus den Klagen ,die alle Sexualberater und Therapeuten erreichen,spricht ja etwas ganz anderes: diese Menschen suchen Hilfe und Rat,sie wollen etwas an ihrem Problem tun,weil sie wissen,ein wie zentrales Kommikations-Mittel die Sexualität für die Paarbeziehung ist.Also : würden sie schweigen wäre Pessimismus angesagt,so sollten wir optimistisch sein.
Oder haben die negativ eingestellten Sexuologen recht ?
Meine Damen und Herren,Sie werden heute noch viel über die medizinischen Möglichkeiten und Perspektiven hören,über Hormonbehandlungen für die Frauen,über Erektionsspritzen für den Mann und allerlei andere medikamentöse ,technische und chirurgische Hilfen .Das sind wichtige Themen.Aber wir sollten uns nicht dazu verführen lassen,Sexualität als eine Art Krankheit zu betrachten und in einen Alles-ist-Machbar-Wahn zu verfallen.Grundlagen vieler Störungen in der Paarbeziehung sind die Unterschiede in der Bewertung der Sexualität,weltanschauliche Differenzen,mangelnde Aufklärung und vielfach auch : eine tief verwurzelte Angst vor der Sexualität.Treffen einige dieser Faktoren dann noch auf einen Mangel an Kommunikation zwischen den Partnern ,dann ist der Riss unvermeidbar.
Alle Erfahrungen von Therapeuten und Beratern zeigen zum Beispiel,dass die Lustlosigkeit der Frau oft gar nicht wirklich Lustlosigkeit ist sondern nur den Wunsch nach einer anderen Sexualität ausdrückt:die direkte,zielbewusste,schwanzgerichtete Sexualität,die viele allzuviele Männer noch immer für das Non-plus-ultra halten,bringt diesen Frauen weder Freude noch Orgasmus.Sie wünschen sich eine zärtliche zugewandte Erotik ,sie hoffen auf mehr Abwechslung und weniger Routine und kriegen stattdessen immer wieder eine Sexualität,die sich nach den berühmten zwei Grundsätzen der Beamtenschaft richtet :1.Das haben wir immer schon so gemacht.2.Das haben wir noch nie so gemacht.
Diese partnerbedingte Lustlosigkeit bei Frauen hat also weniger mit ihrer prinzipiell niedrigeren Libido zu tun ,aber alles mit dem Mann,dem Partner,der nicht genug auf die Wünsche der Frau eingeht,sondern immer noch häufig der Auffassung ist,seine Lust müsse automatisch auch die Lust der Frau wecken.Aber ich bekomme viele Briefe und Anrufe von Frauen,die selber unter ihrer Lustlosigkeit leiden und gerne etwas dagegen tun würden -nicht dem Partner zuliebe sondern sich selber.Medikamentös ist dagegen bisher kaum etwas zu tun,obwohl manche Ärzte gute Erfahrungen mit Tradozon gemacht haben oder mit anderen Tranquilizern.Dem Vernehnmen nach wird das von Pfizer entwickelte Viagra gegen Erektions-Störungen unter Umständen auch bei Frauen luststeigernd wirken.Darüber wird man in der Zukunft mehr hören.
Aber auch die Lustlosigkeit und die Erektions-Störung beim Mann sind oft partnerbedingt : der kleine Krisenstab des Mannes will sich einfach nicht erheben,wenn die Partnerin innerlich den Penis ablehnt oder lächerlich macht,wenn der Mann fürchtet ,immer wieder zurückgestossen zu werden .Und ist die erektile Dysfunktion dann ein paar Mal eingetreten,dann gerät der Mann schnell in einen Teufelskreis von sich selbst erfüllender Prophezeiung.
Wilkommen bei Oswalt Kolle
Mein Leben
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