Lebensqualität und Sexualität im Alter

Alt werden ist nicht immer angenehm,unangenehmer allerdings ist es ,nicht alt zu werden .Und dennoch: jeder will alt werden,aber keiner will alt sein.Deshalb haben wir nun die Senioren erfunden.Und für die wiederum ist es am unangenehmsten,wenn sie zwar ein längeres Leben haben,aber die späten Jahre nicht mit Leben füllen können.Und zum erfüllten Leben gehört für die meisten Menschen nun auch mal Liebe und Sexualität.Oder sollten sich die Senioren vielleicht besser auf das Spielen mit übergrossen Schachfiguren im Park beschränken und die Sexualität der Jugend überlassen ?

Wenn ich einigen Philosophen und Sexualforschern glauben will,dann ist dieses Thema überhaupt kein Thema.Sie beziehen sich gern auf den alten Schopenhauer,den das Alter,so wörtlich" von dem tyrannischen Ungeheuer Sexualität" befreite.Der Sexuologe Martin Danecker schliesst messerscharf,Zitat :"Eigentlich ist Sexualität im Alter von sich aus überhaupt nicht zu verstehen."Und der "Nackte Affe"-Autor Dennis Morris findet es eine Weltrekord-Leistung,dass in langdauernden Beziehungen überhaupt noch Sexualität stattfindet.Gehörte also Sexualität im Alter -von der Liebe mal ganz zu schweigen - überhaupt nicht zur Lebednsqualität des alternden und alten Menschen `? Ich weiss schon lange aus unzähligen Untersuchungen , Briefen und Diskussionen: ältere und alte Menschen bewegt oft eine grosse Sehnsucht nach Liebe,Zärtlichkeit,Partnerschaft und Lust.Diese Menschen wissen auch ,dass Liebe und Lust ihnen Kraft und Lebendigkeit schenkt und sie sogar gesund machen kann.

Lassen Sie mich deshalb zunächst über den Zusammenhang zwischen Sexualität und Gesundheit sprechen. Ich will in einer Art Schnellgang servieren,was die Wissenschaft in den letzten Jahren zu diesem Thema herausgefunden hat:befriedigende Sexualität verbessert das Immunsystem:ein Orgasmus fördert die Produktion von sogenannten T-Killer-Zellen und erhöht den Spiegel des Glückshormons Endorfin .Ein Untersucher hat entdeckt,dass Frauen mit Brustkrebs,die regelmässig Orgasmen hatten,mehr Chancen auf Heilung hatten als Frauen,die niemals einen Orgasmus erlebten.Sex während eines Migräne-Anfalls wirkt wie ein Schmerzmittel.Sexuell aktive Menschen fehlen weniger aus Gesundheitsgründen bei der Arbeit als sexuelle Asketiker.Ganz speziell für ältere Frauen gilt:Regelmässige sexuelle Betätigung verstärkt die Beckenboden-Muskulatur und beugt damit der Blasenschwäche,der Incontinenz vor.Es werden dabei mehr Östrogene ausgeschüttet,was der Haut und den Haaren nützt und schliesslich auch der Vorbeugung der Osteoporose ,der Knochen-Entkalkung dient.Und schliesslich hilft befriedigende sexuelle Betätigung auch der Verdauung,weil die Bauchorgane dabei trainiert werden und durch den stärkeren Speichelfluss. Ein amerikanischer Arzt,der New Yorker Dr.Alexander Lowen sieht sogar einen entscheidenden Faktor für Herzinfarkte im Mangel an Liebe und will festgestellt haben,dass sexuell aktive Menschen weniger Infarkt-gefährdet sind als sexuelle Asketen. Natürlich geht es nicht nur um die körperliche Gesundhdeit sondern auch um die seelische,mentale.

Der deutsche Internist Dr.Klaus Franke (Bad Teinach) sagt: „Liebe und Sexualität sind das beste Mittel gegen Alterstraurigkeit."Das klingt nun alles sehr schön und sehr einfach :Geniesst Eure Lust und Ihr werdet gesund.Aber dieser Internist Dr.Franke spricht mir aus dem Herzen,wenn er feststellt,Zitat :"

Die Gesellschaft ist auf ihr jugendliches Image bedacht und schliesst sich oft unkritisch dem Vorurteil der Jugend an.Die Jüngeren sind sich sicher,dass die Sexualität ihr Vorrecht sei und dass sich die Älteren nur lächerlich machen,wenn sie sexuelle Aktivität auch noch für sich beanspruchen.Die Senioren selber fühlen sich dadurch verunsichert .Sie möchten nichts Unschickliches ,gar Unmoralisches tun,sie verleugnen und verdrängen ihre eigenen Wünsche und fügen sich in das Bild,das sich die öffentliche Meinung von ihnen macht." Zitat Ende. Wo drückt die Älteren denn nun der Schuh ? Als ich vor mehr als dreissig Jahren mit meiner Aufklärungsarbeit in den grossen Medien begann,wurde mir manchmal die Frage gestellt :Warum überlassen Sie das nicht den Ärzten ? Und ich antwortete immer :Weil ich Sexualität nicht für eine Krankheit halte.Dieser Meinung bin ich noch heute. Aber es gibt natürlich einige Gebiete,auf denen Ärzte als Vermittler und Therapeuten etwas für die Liebe und für die Sexualität tun können.

Mir kommt es zunächst auf etwas anderes an:Sexualität ist kein medizinisches Thema,auch wenn manche Medizin tatsächlich helfen kann.Wir Menschen sind mehr als eine funktionierende Maschine,die nur mit Hormonen und Vitaminen gefüttert werden muss um gängig zu bleiben,wir sind auch mehr als Instinkt oder Trieb,den man nur beim Älterwerden mit entsprechenden Pillen und Spritzen bearbeiten muss um den schlafenden Riesen wieder zu wecken oder -wenn er noch zu wach ist - zu betäuben.Als Menschen entwickeln wir auch bestimmte Einstellungen und Haltungen zur Liebe und zur Sexualität,durch die wiederum unser Verhalten bestimmt wird.

Hier liegt auch das Problem einer 60 jährigen di mir die Frage stellte,ob es nicht eine Medikament gebe wodurch sie mehr Lust bekomme - oder wenigstens ein anderes Medikament,das die Lust ihres Mannes dämpfe:nach einiger Korrespondenz und persönlichen Gesprächen stellte sich nämlich heraus,dass sie sich gar nicht w e n i g e r Sexualität wünscht -sondern nur eine andere Sexualität.Ihr 65 jähriger Mann ist unheimlich stolz darauf,dass er in seinem Alter noch so tolle Erektionen zustande bringt und will nun seiner Frau und sich selber ständig beweisen,was für ein leidenschaftlicher Liebhaber er ist.Seine Frau wünscht sich ein ruhigeres Fahrwaser: Zärtlichkeit, Wärme, Hautkontakt. Und statt der wilden Bewegungen eine stille ,intensive Lust. Das hängt auch zusammen mit bestimmten körperlichen Veränderungen im Vaginalbereich der älteren Frau zusammen,über die später zu reden ist.

Wenn ich diese Geschichte jungen Frauen erzähle,dann schauen sie mich an als würde ich eine unverständliche Anekdote aus dem Krieg 1870/71 berichten:Warum sagt sie ihm nicht was sie will? Es sind diese jungen Frauen,die knallhart sagen:"Mein Freund,was du tust bringt mir nichts". Und vielleicht am nächsten Morgen ausrufen :"Du bist mir noch einen Orgasmus schuldig",wenn es nicht so recht geklappt hat. Nein,viele Angehörige der älteren Generation können nicht so frei über Sexualität sprechen,selbst wenn sie es wollten.

Das hat einen ganz einfachen Grund :unsere Einstellung zur Sexualität wird in der frühen Jugend geprägt -und in der Jugend der heute über 6o jährigen war Sexualität ein wirklich unbesprechbares Tabu für die Mehrheit der Menschen.Sie sind aufgewachsen mit der Idee:man tut es in der Ehe,aber auch wenn man es da tut :man spricht nicht darüber.Zur Sprachlosigkeit kam die Angst :Angst vor Schwangerschaft,Angst vor den Eltern,Angst vor moralischer Ausgrenzung,Angst vor Krankheiten,Angst davor,nicht normal zu sein wenn man bestimmte Wünsche hatte.Eine schreckliche lustfeindliche und menschenfeindliche Sexualmoral hatte die jungen Menschen in den fünfziger Jahren im Griff und zwang sie zu Lügen und Heuchelei.Und die meisten jungen Menschen von damals hatten diese Moral verinnerlicht,internalisiert.Und das wirkt oft bis heute nach,so intensiv,dass ältere Frauen manchmal erschrecken,wenn sie nach dem Tod des geliebten Partners oder nach einer Scheidung feststellen müssen,dass sie sexuelle Empfindungen haben,die doch nach ihrer alten Moral nur verknüpft mit der grossen Liebe auftauchen dürfen.Wieso verspüren sie dann einfach Lust,wieso erleben sie einen Orgasmus mit einem ziemlich fremden und keineswegs geliebten Partner,während sie doch während ihrer ganzen Ehe nur selten einen Orgasmus hatten,wieso verspüren sie Lust zum Masturbieren ?Das sind Fragen,die ich immer wieder von älteren Frauen höre - seltener von alten Männern.Die machen sich meist nur Sorgen ob das Masturbieren nicht ihre Potenz stören könne.

Aber selbst wenn Frauen und Männer sich im Laufe der Jahre von diesen unterdrückenden und beklemmenden Ideen über Sexualität befreien konnten,selbst wenn die Frauen beweglicher und die Männer zärtlicher geworden sind :im Alter tauchen neue Probleme auf.Da ist von der Einsamkeit zu sprechen,dem grössten Hindernis für das Erlebnis Liebe,da ist aber auch zu sprechen von ermüdeten Beziehungen,die man einfach nicht wieder wachrütteln kann weil sie erstarrt sind in Routine. Das ist das Negative.Wo bleibt das Positive ? Der Chemnitzer Sexualforscher Sigfried Schnabl hat nach einer grossen Untersuchung festgestellt :"Je besser die Ehe generell geht,je befriedigender das bisherige Sexualleben verlief ,je positiver die Einstellung beider Partner zueinander,zum Sex und zur Lust ist -desto besser die Aussicht,dass die Sexualität lange und erfüllend erhalten bleibt." Für Paare,die sich ihre Lust und Sexualität erhalten wollen ist es deshalb ausserordentlich wichtig,dass sie miteinander so offen und ehrlich wie möglich miteinander kommunizieren:wenn es ihnen schwer fällt,das mit Reden zu tun dann gibt es immer auch den nonverbalen Weg durch Gesten und Zärtlichkeiten.Noch wichtiger ist der Rat,die Sexualität nicht ganz einschlafen zu lassen.Auch hier gilt :wer rastet der rostet.Oder anders ausgedrückt:Use it or lose it -gebauchs oder verlier es.Und das allerwichtigste ist:die älteren Menschen müssen -wenn sie das schon früher nicht getan haben -spätestens jetzt einsehen,dass Sexualität keine Leistung ist,die vollbracht werden muss,sondern ein freiwilliges lustvolles Spiel.

Der Leistungsmann wird verbissen um eine Erektion kämpfen und gerade deshalb keine Erektion erreichen,weil sich der kleine Krisenstab beim Mann nun mal nicht kommandieren lässt.Die Leistungsfrau wird ebenso verbissen daran arbeiten,dass der Mann auch wirklich eine volle Erektion zustande bringt,weil sie sonst das Gefühl hat,sie sei nicht mehr attraktiv oder der Mann liebe sie nicht.Ebenso wird sie um jeden Preis einen Orgasmus erreichen wollen und dadurch nicht zu der nötigen Entkrampfung kommen.

Aber auch wenn die innere Einstellung stimmt,wenn beide Partner wirklich Sexualität miteinander geniessen wollen,kann es zu Störungen kommen,weil der Körper im Alter und bei bestimmten Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck nun mal anders reagiert als beim jungen und gesunden Menschen.Hier kann und muss der Arzt helfen -aber eine Vorraussetzung dafür ist,dass der Patient,die Patientin auch die sexuellen Probleme bespricht.Leider erhalte ich viele Briefe in denen mir Menschen schreiben,ratsuchend,die hinzufügen :Mit meinem Arzt traue ich mich nicht darüber zu sprechen,das wäre mir peinlich. Frauen nach der Menopause sprechen mit Ihrem Arzt über alles,nur nicht über die Lustgefühle und die Schwierigkeiten beim Verkehr.

Verwunderlich ist das nicht in einer Gesellschaft,die ältere Menschen ausgrenzt und ihnen das Gefühl gibt :wenn du Falten hast,wenn du müde bist,wenn du nichts mehr leistet,dann bist du auch nichts wert und dann bist du auch für uns als Gesellschaft und für indivuelle Partner nicht mehr attraktiv. Als eine der Schaltstellen dieser Gesellschaft kann und sollte der Arzt dieses Thema auch mal von sich aus anschneiden und nicht nur darauf warten,dass der Patient,die Patientin vielleicht beim Hinausgehen zögerlich stockt :"Da wäre noch etwas..." Wenn überhaupt .

Geschätzt wird,dass in Deutschland zwischen fünf und acht Millionen Männer an mehr oder weniger schweren sexuellen Funktionsstörungen leiden:zu viele dieser Männer wenden sich nicht an einen Arzt,aus Scham über ihre Schwäche.Vielleicht hilft es diesen Männern,wenn man ihnen klar macht : eine Erektionsstörung kann auch ein Signal für eine andere Krankheit sein.Bis vor sechs Jahren konnte man diesen Männer nnur schwachen Trost spenden:Solange du deine Finger und deine Zunge hast bist du nicht impotent.Vergessen wurde dabei,dass den Mann ohne Erektion Lustlosigkeit überfällt.Technische Hilfsmittel wie die Vakuumpumpe oder Penissstützen förderten nicht die spontane Sexualität,die Erektionsspritze empfanden viele Männer als peinlich .

Erst mit der Einführung von Viagra -später gefolgt durch andere Medikamente -kann diesen Männern endlich geholfen werden.Viagra hat sich in diesen sechs Jahren bewährt als sicheres,risikofreies Medikament,aber auch als Tabubrecher,das es Männern leichter macht über ihre Problem zu sprechen.Mancvhmal höre ich den Einwand,durch Viagra könne es nicht mehr zu einer spontanen Begegnung kommen.Das Gegenteil ist der Fall.Mit der kleinen blauen Pille erst ist wieder spontane,zärtliche Sexualität ohne den Erektions-Stresse für beide Partner möglich. Auch bei Frauen sind es nicht nur gesellschaftliche Vorurteile und Ängste,die sie manchmal daran hindern,ihre Sexualität zu geniessen.Nach der Menopause ist sie zwar frei von der Furcht vor Schwangerschaft,sie braucht nicht mehr dauernd an die Verhütung zu denken ,aber dann tauchen oft körperliche Probleme auf.Durch das Absinken des Östrogen-Spiegels in der Menopause verändert sich nicht nur die Libido,die Lust auf Sexualität,auch das ganz körperliche und seelische Wohlbefinden kann angetastet werden..

Ältere Frauen leiden häufig an Schmerzen,Brennen und Jucken im Genitalbereich - verständlicherweise keine Aufforderung für eine genussvoll erlebte Sexualität.Auch beim Wunsch nach sexueller Erregung fehlt oft die notwendige Feuchtigkeit für den Verkehr .Allen Frauen,die trotzdem eine gewisse Scheu vor der Einnahme von Östrogenen haben,muss gesagt werden ,auch von Allgemein-Mediziner,vom Hausarzt :es gibt auch Hormonpräparate,die lokal wirken und nicht systemisch den ganzen Körper belasten.Solche Präparate wirken also nur im Vaginalbereich und erreichen dort häufig eine positive Veränderung: ob sie in Salbenform oder als Zäpfchen oder in Form des Östrogen-Rings gegeben werden ist der einzelnen Frau überlassen.Die Akzeptanz des Vaginalrings,der von der Frau selber eingesetzt werden kann und drei Monate in der Vagina verbleibt,ist weltweit ausserordentlich hoch .

Vorraussetzung für die Akzeptanz solcher medikamentösen Hilfen ist natürlich ,dass Frauen und Männer in Alter ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse überhaupt annehmen.Zuviele ältere Frauen zweifeln an ihrer eigenen Attraktivität,anstatt sich darauf zu besinnen,dass ihre Attraktivität nicht mehr in der faltenlosen jungen Haut sondern an ihrem Potential an Zärtlichkeit,der Kenntnis ihrer eigenen und der sexuellen Wünsche des Mannes liegt.

Vortrag in Bad Wildungen

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