Impotenz - Von den Tücken des Penis

Er ist ein wunderliches Organ,ein Anhängsel des Mannes,eine Art Wurmfortsatz mit einem sehr eigenwilligen Leben.Er lässt sich weder befehlen ob er aufrechten Hauptes durchs Leben gehen will noch ob er den Kopf hängen lässt.Niemals schämt er sich,auch wenn er manchmal einen roten Kopf bekommt kurz bevor er in Tränen ausbricht.Auch der verständnisvollsten Frau ist es schwer klarzumachen,weshalb Männer gleichzeitig auf ihn heruntersehen und doch stolz auf ihn sind,ihm geheime Namen geben und mit ihm sprechen als sei er eine Art Hund,das Männchen machen kann.Noch schwerer sind die beiden wesentlichen Ängste des Mannes für Frauen verstehbar zu machen.Es beginnt in der Jugend schon mit der Angst,im falschen Moment eine Erektion zu bekommen,etwa beim Turnunterricht oder während des Abschlussballs beim Tanz mit der verehrten Religionslehrerin .

Schwieriger wird es ,wenn die zweite Angst den Mann beherrscht:die Furcht,dass der kleine Krisenstab nicht funktioniert in dem entscheidenden Augenblick ,wenn die innere Stimme oder die Partnerin ruft :Hic Rhodos,hic salta.Viele Männer begleitet diese Angst seit dem Augenblick als sie endlich die begehrte Freundin beglücken wollten und dann in einer situativen Impotenz der Meister Iste,wie Goethe im "Tagebuch" den Penis nennt,den Dienst versagt.

Das" Tagebuch"von Goethe ist übrigens eine der schönsten Schilderungen einer erektilen Dysfunktion,hervorgerufen durch Schuldgefühle.Weil nämlich ein Reisender - Goethe - auf dem Weg nachhause im letzten Gasthaus mit dem Zimmermädchen schlafen will,dann aber im entscheidenden Augenblick an die Geliebte daheim denkt:da fällt die Erektion zusammen.Goethe beschliesst hochmoralisch mit dem Satz:Erst in der Krankheit bewährt sich das Gesunde.

Der junge Mann denkt in dieser Situation so wenig wie der ältere Mann "Ich leide jetzt an einer erektilen Dysfunktion ",er denkt :"Verdammt,der Schwanz wird nicht steif." Und es fälltv dem Mann schwer an die tröstenden Worte der Partnerin zu glauben:"Das macht doch nichts.Es war auch so schön."Wenn sie es denn ernst meint und nicht ihrerseits denkt :Der Schlappschwanz.

In der Vorbereitung dieses Vortrags sprach ich mit einer jungen Ärztin mit einem stark feministischen Hintergrund.Sie sagte :Ach ,dieses ganze Getue um die Erektion ist doch rein kulturell bestimmt.Ich fand das eine interessante Bemerkung,weil ich sofort an Alice Schwarzers Auffassung denken musste,die Penetration sei doch nur für den Mann lustvoll.Ich erhielt viele empörte Frauenbriefe als ich dieses Zitat in einer grossen Illustrierten veröffentlicht hatte.Ich hatte das Zitat nicht etwa negativ gemeint,sondern sehr positiv,weil ich gerade den Männern sagen wollte :Ihr seid nicht impotent solange ihre eure zehn Finger und eure Zunge habt.Alle diese Frauen legten Wert auf eine gute Erektion und auch auf die Penetration,weil sie sich nur auf diese Weise ganz mit dem Partner verbunden fühlten.Waren alle diese Frauen wirklich kulturell so verformt vom Männlichkeitswahn,dass sie ihre wahren Gefühle nicht mehr kannten - oder sprachen sie doch eher aus einem tief empfundenen Bedürfnis heraus ?

Die Diskussion darüber,wie wichtig oder unwichtig eine Erektion für die Partnerin ist,ähnelt sehr stark der anderen Diskussion,die wir alle in den letzten dreissig Jahren geführt haben:Sexualwissenschaftler und öffentliche Aufklärer haben in dieser Zeit immer wieder gesagt und geschrieben,dass es zur Befriedigung nicht auf die Grösse des Penis ankommt.Diese Aufklärung hat offenbar ganz gut gewirkt,bis vor ungefähr fünf Jahren plötzlich mehrere weibliche Autorinnen mit der These kamen:Gebt uns einen grossen Schwanz .Und sie zogen in ungeheuer diffamierender Weise über den kleinen Penis her.

Während ich in diesen zurückliegenden Jahren nur noch selten Anfragen von Männern mit einem wirklich extrem kleinen Penis von erigiert sagen wir mal 6 cm bekam,kriege ich in den letzten fünf Jahren jede Woche zehn Anfragen von Männern mit Durchschnittsmassen von 12 bis 17 cm:Wie kann ich meinen Penis grösser kriegen,welche Geräte zur Streckung gibt es,wer operiert mich ?Und es zeigt sich dabei immer wieder : eine einzige Frau,die einen Mann wegen seines kleinen Penis verlacht,kann das ganze Selbstwertgefühl eines Mannes zerstören.

Die erektile Dysfunktion,die ich als Publizist allerdings immer noch verständlichheitshalber als Impotenz bezeichne,ist zwar kein spezifisches Altersproblem,und doch sehen wir die Mehrheit der Hilfesuchenden in der Altersgruppe der 5o bis 7o jährigen .Aus mehreren Gründen ist diese Situation besonders prekär:sie wird vom Mann selber und oft auch von seiner Partnerin als schwere Behinderung aufgefasst,ist aber im Gegensatz zu anderen Behinderungen wie etwa Kurzsichtigkeit,Bewegungshemmungen oder Schwerhörigkeit nicht besprechbar.Schlimmer noch : Impotenz ist die einzige Behinderung über die man Witze machen darf ohne als politisch incorrect zu gelten.Das ist nun tatsächlich kulturell bedingt,weil es den Tabubereich Sexualität betrifft und deshalb gesellschaftlich freigegeben ist für die meist ranzigen Sexualzoten.

Es ist deshalb sehr verstehbar,dass die Scham vieler Männer darüber ,dass sie kein ganzer Mann mehr sind,tief sitzt.Sie versuchen sich dann mit Wundermittelchen zu helfen anstatt der Frage nachzugehen,woran es denn eigentlich liegt,dass der Penis nicht hart wird,obwohl es sich der Mann doch so sehr wünscht.

Ich will an einigen unvollständigen Beispielen zeigen,wie vielschichtig ,wie verschieden die Art der Störung ist.Es gibt den hübschen Dialog zweier bayrischer Männer .Der eine fragt :Wie gehts ?Der andere :Es geht nimmer.Darauf der Erste:Nein,ich meine so zuhause und mit der Frau.Darauf der andere :Na,mit der Frau gehts schon gar net.. Solche partnerbedingten Impotenzen bei vollständiger Morgen-Erektion kommen häufig vor bei langdauernden Partnerschaften,weil der sexuelle Reiz ermüdet ist:ich habe mich oft mit meinem Freund Ernest Borneman gestritten,weil er diesen Männern immer kurzweg riet,sie sollten das doch aufgeben und sich eine Freundin suchen.So einfach liegen die Dinge aber nicht.

Mir schreiben Männer,dass zwar der spontane Reiz verschwunden ist,sie aber aus Liebe und Zärtlichkeit heraus gerne bei der eigenen Frau potent sein wollen,auch um sie nicht zu verletzen.Mehr als die Hälfte aller Anfragen für eine Potenzbehandlung kommen übrigens von Frauen,wie mir viele Ärzte bestätigen:das heisst,die Frau leidet nicht nur für ihren Mann sondern auch ,weil sie selber die Erfüllung durch den Coitus sucht..

Neben der partnerbedingten Störung der Erektion ,die ja auch aus der Situation beider Partner entstehen kann,weil die Partnerin eigentlich nicht will,sich oft verweigert hat,niemals die Intiative ergreift,dem Mann das Gefühl vermittelt,es sei ihr lästig -neben diesen Situationen gibt es eine Reihe von typischen Störungen,die nicht unbedingt mit der Partnerschaft zu tun haben:so gibt es den Mann,der bei der eigenen Frau impotent ist,bei der Geliebten potent -doch ebenso den Mann ,der in der gewohnten Beziehung keine Probleme hat aber beim Fremdgehen.Nebenbei gesagt gibt es offenbar immer mehr Männer,die zwar eine Erektion bekommen aber keinen Orgasmus ,keine Ejakulation produzieren können. Ein Feld für nähere Untersuchungen.

Auch die Art der Dysfunktion kann sehr verschieden sein:der Penis wird kurz steif und schlafft sofort wieder ab,der Penis wird steif,erschlafft aber beim Versuch des Eindringens,der Penis wird gleich nach dem Eindringen schlaff -oder schliesslich:es kommt überhaupt keine Erektion mehr zustande,auch keine morgendliche Erektion.

Bis zu den Forschungen von Masters und Johnson in den sechziger Jahren galt es als ausgemacht,dass mindestens 90% aller Impotenz-Fälle seelisch bedingt ist,aus einer falschen Erziehung,aus Prüderie,aus schlechten Erlebnissen ,aus einer insgesamt sexualfeindlichen Einstellung und Schuldgefühlen heraus entsteht oder auch weil Männer eine viel zu hohe Erwartungshaltung über ihre eigene Potenz haben.

Masters und Johnson haben deutlich gemacht,dass eine tiefgründelnde Psychotherapie oft gar nicht nötig ist:eine veränderte Einstellung zur Sexualität durch Aufklärung ,Training der Beckenmuskulatur,andere Techniken der Zärtlichkeit und ähnliches können bei der Bekämpfung der erektilen Dysfunktion gute Dienste erweisen.Ähnliches gilt zum Beispiel auch für die von Masters und Johnson entwickelte Stop - and go -Trainingsmethode zur Behebung der Ejaculatio präcox,der vorzeitigen Ejakulation,die mit Abstand häufigste Sexualstörung des Mannes.

In den letzten Jahren hat uns die medizinische Wissenschaft neue Erkenntnisse über den Penis,über die Funktion der Erektion aber auch über organische Ursachen verschafft.Man war früher ganz selbstverständlich davon ausgegangen,dass der Penis in schlaffem Zustand entspannt ist,im steifem Zustand gespannt:es ist aber genau umgekehrt.Erst wenn die Muskeln entspannt sind,kann das Blut frei in die Schwellkörper fliessen.Aber auch die Untersuchungsmethoden haben sich verfeinert:durch Einspritzungen und Messungen kann man nun feststellen,ob mit den Arterien im Penis alles in Ordnung ist,wie das Blut strömt,weshalb es nicht festgehalten wird.

Jetzt scheint sich die Waage plötzlich nach der anderen Seite zu neigen .Während vorher die Erektion gewissermassen nur zwischen den Ohren entstand,wird sie nun zu einer rein medizinisch-technischen Sensation.Eine solche Technisierung findet auch bei der Behebung von Orgasmusstörungen bei Frauen statt: den Männern werden immer neue und sensationellere erogene Zonen angeboten,möglichst von Zeichnungem mit vielen Punkten versehen,die mich immer an die Zeichnungen auf den Kühen auf der Theke beim Schlachter erinnern.Wenn ein Mann nur auf den richtigen G-Punkt,U-Punkt drückt oder in der richtigen Weise die S-Zone stretcht,dann muss das doch einfach klappen.Während die Partnerin von spontaner zärtlicher Erotik träumt , beobachtet der Mann sorgfältig ,ob seine Behandlungsmethode auch wirkt - ein jeder Mann sein eigener Sexualforscher.

Die Medikalisierung und Technisierung der Sexualität ist weit fortgeschritten und produziert wiederum eine total überhöhte Erwartungshaltung .Immer wieder werden Ärzte gefragt ,das männliche Geschlechtshormon zu spritzen zur Behebung der erektilen Dysfunktion und zur Erhöhung der Potenz-obwohl erwiesenermassen solche Hormongaben nur bei einer deutlich nachgewiesenen Unterproduktion von Testosteron wirken. In vielen Fällen ist auch überhaupt keine ärztliche Behandlung nötig:es genügt,dem leidenden Mann eine Coitus-Zwangspause von einigen Wochen aufzuerlegen oder sich selber aufzuerlegen:eine Pause,in der er sich nur auf Zärtlichkeiten beschränkt und nicht zwanghaft darauf starrt,ob sein Penis sich auch aufrichtet.Es ist oft auch wichtig,die Partnerin zu bremsen,die in Fällen von Erektionsschwäche das Gefühl hat ,der Partner begehre sie vielleicht nicht mehr und dann am Objekt arbeitet als gehe es darum einen Pumpenschwengel wieder gangbar zu machen.Kleine technische Hilfsmittel wie eine Penisstütze oder eine Vakuumpumpe können helfen ,manchmal genügt für Mann und Frau in einer guten Beziehung auch der schlichte Rat,mal spontan und schnell die Morgen - Erektion auszunutzen,damit der Mann wieder merkt wie es rund geht - ohne Angst vor dem Versagen.

Denn diese Angst vor dem Versagen ist gerade in einer allgemein leistungsbezogenen Gesellschaft der wunde Punkt :machen wir Frau und Mann klar,dass Sexualität keine Leistung ist,die vollbracht werden muss -schon gar nicht im Alter -,sondern immer lustvolles und zielloses Spiel bleiben muss,dann ist der erste Schritt zu einer angstfreien Sexualität getan.

Dass die Furcht vor der Furcht tatsächlich oft die einzige Ursache ist,bestätigen mir die Urologen,die mit der Erektions-Spritze arbeiten oder VIAGRA verschreiben :immer wieder kommen Männer,die alle Hoffnung aufgegeben haben,nach einigen SKAT-Spritzen oder VIAGRA-Pillen strahlend in die Praxis :Jetzt gehts auch wieder ohne Spritze.Anderen Männern hilft der Gedanke,Pille oder Spritze als Notwerkzeug im Nachkastel zu haben zu einer natürlichen Erektion.Bei diesen Männern ist dann also der verhängnisvolle Teufelskreis durchbrochen.Für viele andere Männer mit erektiler Dysfunktion ist dagegen VIAGRA,bei anderen die Spritze der ultimative und einzige Rettungsanker für eine befriedigende Sexualität.Der Mann mit schweren Durchblutungsstörungen im Beckenraum,der Diabetiker,der Bluthochdruckler mit schwerer Medikation und viele andere Kranke können nur dank der Spritze noch eine erfüllte Sexualität mit ihren Partnern erleben.

Vor der Gabe von VIAGRA ist auf jeden Fall eine gründliche Untersuchung nötig.Der bayrische Urologe Dr.Günther Ernst hat mir beispielsweise von einem 87 jährigen Patienten sonst sehr rüstigen berichtet,der sich zwei Mal im Monat eine Spritze setzt um mit seiner etwas jüngeren Frau verkehren zu können.Das ist gut so.Nur plädiere ich dafür,dass Ärzte und Berater nicht pauschal sagen :Impotent,VIAGRA oder die Spritze her - sondern dass sie jeden Fall für sich nehmen.Und immer auch die Partnerin eines Mannes mit ins Gespräch ziehen:denn ohne Liebe und Zärtlichkeit geht überhaupt nichts.Meine Schreckensvision ist nämlich der seit Jahren impotente alternde Mann,der sich ein Viagra einpfeift oder sich mit der Spritze in den Penis sticht und sich nun triumphierend nackt vor seiner ahnungslosen Frau aufbaut :Liebling,hier steht was für dich...

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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