Rede zur 'Pille'

Ich spreche zu Ihnen als persönlich Betroffener und als Zeuge einer Zeit ,in der diese kleine unscheinbare grüne Pille mit der Explosivkraft einer Handgranate in den säuberlich geordneten und eingezäunten sexuellen Vorgarten deutscher Kleinbürgerlichkeit platzte.Ich spreche zu Ihnen aber auch als Autor,der in der damaligen Bundesrepublik mit einem ziemlich groben Beil die Zäune eingerissen hat.Die Pille hat mir dabei geholfen,ja ,ohne die Pille wäre meine Arbeit nicht möglich gewesen.

Bitte versuchen Sie sich die Landschaft vorzustellen,in der dies geschah.Ich gebe Ihnen ein paar bemerkenswerte Eckpfeiler :es war die Zeit der Regenten.Pfarrer,Arzt und Richter wachten über das Volk und seine Sitten in treuer Eintracht,eine geradezu dörfliche Idylle.

Über Sexualität wurde nicht gesprochen,vor ihr wurde höchstens hinter vorgehaltener Hand gewarnt.Jugendaufklärung betrieb die katholische Kirche mit einem endlosen Strom von Traktätchen,in denen etwa stand,dass ein Mädchen schon in den Abgrund schlitterte wenn sie sich am Tanzabend von einem Burschen aus dem Saal locken liess.Man rechnete mit rund zwei Millionen Stricknadel-Abtreibungen auf dem Küchentisch,hielt aber eisern fest an dem alten Nazi-Gesetz,das die Werbung für empfängnisverhütende Mittel verbot.Kondome wurden nur an Ehepaare abgegeben,denn voreheliche Sexualität war absolut tabu.


Eltern wurden mit Zuchthaus (bis zu sechs Jahren )bedroht,wenn sie ihre halberwachsenen Kinder mit einem andersgeschlechtlichen Jugendlichen in der Wohnung schliefen liessen.Schwere Elternkuppelei hiess das.Rund 2oo Verfahren gabs per Jahr.Eines der letzten gegen mich selber verstarb an Gesetzesänderung im Jahr 1972.

Kurz bevor die Pille explodierte war die Bundesrepublik durchgerüttelt durch die Diskussion um den hannoverschen Frauenarzt Dr.Doohrn.Der hatte ausgemergelte Arbeiterfrauen und Bäuerinnen mit sieben und neun Kindern in ihrer Verzweiflung geholfen:durch Sterilisation.In endlosen Prozessen hatte man den armen Mann verfolgt,weil er der ungezügelten sexuellen Genuss-Sucht sittenwidrig Tür und Tor geöffnet hatte.Die Kirchen klatschten gewissermassen in die Hände : das würde die Frauen lehren!

Ich erinnere mich der ungeheuren Erregung beim Bundesfamilienministerium und bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften,als ich in der Illustrierten "Revue" aus dem Buch einer britischen katholischen Frauenärztin eine Serie machte:auch diese Ärztin hatte die Not ihrer Patientinnen begriffen und war mit ihren Ratschlägen zur Empfängnisverhütung ins Kreuzfeuer der Kirchen und des Staates geraten.Von ihren Priestern hatten diese Frauen,meist Bäuerinnen,nur den Rat bekommen :"Wenn Sie keine Kinder mehr wollen,soll Ihr Mann eben in der Scheune schlafen."

Ich möchte hier etwas ganz Allgemeines zu der damals herrschenden Sexualmoral sagen :sie war auf einem nie gekannten Tiefstand der Verluderung.Natürlich war die herrschende Sexualmoral die Moral der Herrschenden :aber die Beherrschten ,besonders wenn sie jung waren,hatten ihre eigenen Bedürfnisse und erfüllten sie sich irgendwie.Dazu waren sie gezwungen zu heucheln und zu lügen.Wenn es Eltern durch Gesetzz verboten war,ihre heranwachsenden Kinder unter dem beschützenden Dach des Elternhauses ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln zu lassen - dann vertrieben sie die Kinder eben auf die Parkbänke und taten als wüssten sie von nichts.Und die Jugendlichen spielten das üble Spiel mit:wo sie Rat und Hilfe von den Erwachsenen brauchten,fanden sie nur Schweigen und allerhöchstens Warnung vor den bösen Folgen der Sexualität vor der Ehe.Blind und sprachlos taumelten sie dann in Ehen hinein,sehr oft aus der Not der ungewollten Schwangerschaft heraus.

In unendlich vielen Ehen herrschte ein grosses sexuelles Elend,ganz besonders für die Frauen: 90 Prozent von ihnen hatten schon das erste sexuelle Erlebnis negativ,oft als Schrecken empfunden - und das setzte sich nun fort in der Ehe:unaufgeklärte Männer zwangen ihnen ein Bild der männlichen Sexualität auf,das ihnen keine Befriedigung ,oft Ekel und Abneigung bescherte.Wenn sie ,ja wenn sie überhaupt,darüber klagten,wurden sie als nicht normal,frigide oder prüde abgestempelt.Aber wenn ein Mann zärtlich war und nicht nur seinen Penis gebrauchte sondern auch Mund und Hände ,dann zuckten sie zurück.Das war pervers,so hatten sie es gehört.Doch so wenig von den positiven,spielerischen und zärtlichen Seiten der Sexualität gesprochen wurde,so wenig wurde auch von den negativen Dingen gesprochen:Vergewaltigung,Inzest und andere Scheusslichkeiten waren ebenso tabu wie der freie Umgang mit Sexualität.Kurz : es ware eine menschenfeindliche,sexualfeindliche aber ganz besonders frauenfeindliche Sexualmoral.

Die praktische Seite der Empfängnisverhütung in jenen Jahren sah so aus:am häufigsten wurde die Methode des Rückziehers gebraucht,Coitus interruptus oder "Vor dem Singen aus der Kirche gehen":wie ich aus eigener Erfahrung weiss eine der sichersten Methoden zur Kinderzeugung.Männer konnten Kondome gebrauchen,die waren schwer zu kriegen und ausserdem unhandlich,damals.Dann gabs die Kalendermethode nach Knaus-Ogino.Einer meiner Freunde pflegte seine beiden Söhne vorzustellen :"Das ist der Knaus und das ist der Ogino." Diese Methode wie alle Kalender-Methoden ist nach meinen Erfahrungen nicht nur ungeeignet wegen der Unsicherheit sondern auch absolut unnatürlich,weil sie das wichtigste und schönste Instrument der Liebe ausser acht lässt ;die spontane Leidenschaft ohne Kalender und Uhr.

Für Frauen bestand die Möglichkeit,sich ein Pessar anpassen zu lassen,wenn sie denn einen Arzt fanden,der dieses Instrument zur Unzuchtsförderung einlegen wollte.Meine Frau und ich haben alle diese Statdien durchlaufen,bis wir Ende der 5oer Jahre einen Berliner Frauenarzt fanden,der das Verbot seiner Berufsvereinigung negierte :er legte meiner Frau den sogenannten Gräfenberg-Ring in die Gebärmutter ein,einb goldenes Zierat,Vorläufer der Spirale.Unter strikter Geheimhaltung.Schon dies war für uns beide ein Aufatmen.

Und dann kam die Pille.

Für unsere Generation der damals 3o bis 4o jährigen war dies ein Geschenk von ungeahnter Tragweite.Wir hatten alle miteinander unsere Jugend im Vierwochen-Rhythmus der Angst zugebracht:kommts oder kommts nicht.Und wenns nicht kam,was dann ?Engelmacherin oder Stricknadel ,Geheimadresse eines Arztes und Schuldenmachen ,denn die Ärzte,die ES machten,nahmens vom Lebendigen.Die Pille war die Befreiung aus der Not -natürlich ganz besonders für die Frauen.Deshalb waren wir Jüngeren uns sicher :Die Mehrheit der deutschen Frauenärzte würde die Pille begrüssen - und der Papst würde sie verbieten.

Doch gefehlt :45 führende Hochschulprofessoren unterschrieben neben 14o baden-württembergischen Ärzten die sogenannte Ulmer Denkschrift,in der sie von der Bundesregierung forderten,die Pille abzulehnen.Einige Kernsätze aus dieser Denkschrift möchte ich doch zitieren :"Eine wahllose Ausgabe solcher Tabletten würde ...bei vielen Mädchen und Frauen in -und ausserhalb der Ehe die letzten Bremsen beseitigen ...Wir kennen diese Hemmungslosigkeit ja bei manchen Fällen nach Sterilisation." Das hiess in Klardeutsch :die Frauen waren unmündige Wesen,die nicht mehr Nein sagen konnten wenn man ihnen die Angst vor Schwangerschaft nahm.Eine Argumentation,die später bei der Abtreibungsdebatte ebenso eine Rolle spielte wie bei der feministischen Diskussion über die Pille.

Aber diese unmündigen Wesen wussten damals sehr gut,wo ihre Freunde und wo ihre Feinde sassen.In den Illustrierten veröffentlichten wir Listen mit fortschrittlichen Ärzten,wir drohten anderen Ärzten mit Prozessen wegen unterlassener Hilfeleistung,wenn sie einem Mädchen die Pille verweigerten.Ausgerechnet aus dem katholischen Italien brachten Italienreisende ihren Freundinnen die frei erhältliche Pille mit und Mütter liessen sich für ihre Töchter die Pille verschreiben.Man sagte damals als "Schlafmittel ",damit die Mütter besser schlafen konnten. Mein ganzer Stolz war ,dass ich einen katholischen Moraltheologen in München auftat,der mir für meine katholischen Leserinnen eine wahrhaft katholische Lösung anbot ,um das Gebot des Papstes zu unterwandern:die Frauen sollten doch den Ärzten erzählen,sie hätten eine unregelmässige Menstruation oder litten unter grossen Schmerzen.Wo immer ich konnte,habe ich den Theologen zitiert.Dreissig Jahre später sagte mir dieser Mann,die Sache hänge ihm immer noch nach.

Aber um die Stimmmung dieser Zeit zu schildern,eine kleine persönliche Anekdote:Professor Mayer,ein Nestor der deutschen Gynäkologie schrieb auf diese Menstruations-Geschichte hin nicht etwa an mich als Autoren sondern an meinen Vater,den Psychiatrie-Professor - Akademiker unter sich :Mein Vater solle mich gefälligst darüber belehren,dass eine gesunde deutsche Frau überhaupt keine Menstruations-Schmerzen zu kennen brauche,weil sie während ihrer ganzen fruchtbaren Zeit normalerweise schwanger sei.

In den Medien,die von Konservativen beherrscht waren,trieb der Kampf gegen die Pille sonderbare Blüten:durch den Blätterwald geisterten Geschichten von Frauen,die heimlich die Pille nahmen oder sie heimlich wegliessen,von jungen Mädchen,die Mutters Pillen durch Zuckerpillen ersetzten,wodurch die Mutter schwanger wurde und die Tochter in der beliebten hemmungslosen Genuß-Sucht ihr Liebesleben furchtlos ausnutzen konnte.Es war die Rede von Frauen,die sich vor dem Geschlechtsverkehr die Pille in die Vagina steckten und von Männern,die sich vor dem Akt eine Pille einflössten.Wenn man versuchte,so eine Geschichte zu verifizieren,dann kam sie immer von der Freundin einer Cousine der Schwester des Grossvaters.Nie stand ein Name dabei.Einmal fragte ich einen Redakteur der Bild-Zeitung bei einer allzu bunten Geschichte,ob sie denn stimme.Hunderprozentig,antwortete der,ich habe sogar den Namen der Frau verändert.

Trotz aller Unkenrufe trat die Pille einen Siegeszug an,allerdings mit Fallen und Aufstehen:eines der Hauptprobleme hinter allen anderen Problemen war die Tatsache der fast absoluten Sicherheit der Pille.Das mag Ihnen allen sonderbar in den Ohren klingen.War es nicht gerade die besondere Sicherheit der Pille,die so zu begrüssen war ?Aber diese Pille traf auf eine gehirngewaschene Gesellschaft,der man jahrzehntelang eingeredet hatte,Sexualität sei eine schmutzige Sache ,die nur gereinigt und veredelt werden konnte durch die Ehe und das endliche Ziel der Kinderzeugung.So gab es damals Frauen,die über medizinisch nicht erklärbare Nebenerscheinungen klagten:wenn der Arzt oder Therapeut tiefer schürfte,dann stellte sich die wahre Ursache heraus.

Auch Männer klagten über Impotenz und gaben als Begründung an,ohne die Chance einer Befruchtung fühlten sie sich nicht mehr als ganzer Mann.Dies war am Beginn eines Wandels der Einstellung zur Sexualität -und es dauerte seine Zeit,bis Frauen und Männer die Einmaligkeit einer sicheren Methode der Empfängnisverhütung als positiv internalisiert hatten: noch nie in der Geschichte der Menschheit hatte es ein reversibles und doch sicheres Antikonzeptions-Mittel gegeben,mit dessen Hilfe es erst möglich war,Sexualität und Zeugung voneinander zu trennen:das heisst Sexualität zu erkennen als einen eigenständigen Wert an sich,auch als lustvolles Spiel,mit dem man gemeinsam experimentieren konnte.

Endlich konnten auch die Frauen ihre Sexualität,ihre Bedürfnisse ,ihre Neigungen selbständig definieren und ohne Angst und Abhängigkeit vom Mann ihre Wünsche ausleben.

Die meisten deutschen Frauenärzte stellten sich nach einigen hitzigen Diskussionen auf die neue Situation ein,wobei ihnen allen ein Mann voranging,dessen Namen hier genannt werden muss :der Göttinger Gynäkologe Professor Kirchhoff,ein grosser Vorfechter der Pille in der Bundesrepublik. Eine neue Generation von Gynäkologen war herangewachsen,die sich nicht in erster Linie als Hüter der Moral sondern als Hüter ihrer Patientinnen empfand.Kein vernünftiger Mensch will die Nebenwirkungen der Pille wegdiskutieren.Wir alle müssen damit umgehen lernen und den Frauen unter Umständen auch Alternativen anbieten für ihren persönlichen Fall.Und doch wäre eine Befreiung der Frauen von Gebärzwang und männlich definierter Sexualität ohne die Pille nicht möglich gewesen.Das können wir nach 35 Jahren Pille und allem Hin und Her konstatieren.

Es wäre auch nicht möglich gewesen,eine Gesellschaft zu entwickeln mit der besten Sexualmoral aller Zeiten.Ich schreibe das den Nostalgikern ins Stammbuch,die anscheinend all das sexuelle Elend von früher vergessen haben und ein idyllisches Bild von "Früher "in zarten Pastellfarben malen.Sie vergessen die verwundeten und vergewaltigten und unbefriedigten Frauen,die Frauen mit der ständigen Angst,die Frauen ,die nach illegalen Abtreibungen unfruchtbar geworden sind,die Frauen mit der ständigen Furcht vor Sexualität -und sie sehen nicht,was uns der Wandel gebracht hat.Der Wandel,der ohne die Pille nicht stattgefunden hätte .Eine ehrliche Sexualmoral ohne Heuchelei.Eine Moral,in der wir offen und öffentlich diskutieren klönnen,welche Sexualität wir haben wollen und welche nicht.Eine Moral,in der unterdrückende Sexualgesetze verfielen .

Wir konnten in dieser Diskussion ausfräumen mit der Diskriminierung von Homosexuellen und Lesben,wir konnten offen sprechen über Kindesmissbrauch,Inzest und Vergewaltigung und brauchen diese Dinge nicht mehr unter den Teppich zu kehren.Aber das Wichtigste ist :durch die offene Diskussion erkennen immer mehr Menschen,dass es eben auf dem Gebiet der Sexualität keine Norm gibt und keine Normalität,dass Sexualität bunt gefächert ist -oder ,für die Christen unter uns:Unseres Vaters Haus hat viele Wohnungen.

Menschen erfahren in den Medien viel über Sexualität anderer Menschen und können zu sich selber sagen :Ich bin nicht absonderlich,ich bin nicht pervers,ich bin ein Individuum mit eigenen Ausformungen und Neigungen.Und sie lernen besser als je zuvor,diese Neigungen auf eine menschenwürdige Art auszuleben,ohne anderen Menschen körperlichen oder seelischen Schaden zuzufügen,ohne ein ungewolltes Kind zu zeugen und ohne sich AIDS zu holen oder zu verbreiten. Ich habe in diesen Jahren manchmal Redaktionen erschreckt mit der Sensationsmeldung :"Der Papst hat heute die Pille erlaubt." Dann habe ich leise hinzugefügt :"Allerdings hat er den Geschlechtsverkehr verboten."

Das scheint mir auch heute noch keine Alternative zu sein.Inzwischen hat mich die Zeit eingeholt :der Papst hat seinen Priestern gesagt,sie sollten die Frauen nicht strafen,wenn sie die Pille nehmen -solgange die Frauen nur "aufrechte Reue " zeigen.Nun warten wir auf den pharmazeutischen Betrieb ,der eine Pille mit dem Markennamen "Aufrechte Reue " herausbringt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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